IDC-Studie identifiziert aktive Projekte in jedem dritten Unternehmen
Das IIoT in der Sackgasse?
Laut einer Studie von IDC werden Vorteile, die sich aus dem Industrial IoT (IIoT) ergeben könnten, vielerorts noch nicht realisiert. Demnach setzen 29 Prozent der befragten Industrieunternehmen IIoT-Projekte aktiv um. Davon misst ein Drittel auch den Erfolg seiner IIoT-Projekte. Jedes zehnte Unternehmen hat laut Studie bisher eine ganzheitliche Daten- und Analytics-Strategie definiert.
Bild: IDC Central Europe GmbH

Das Marktforschungsunternehmen IDC hat im Januar und Februar 250 industrielle und industrienahe Unternehmen mit mehr als 100 Mitarbeitern zum Thema Industrial IoT befragt. Demnach hat sich die Adaption des IIoT in den letzten Jahren verlangsamt und verharrt auf der Stelle. Zwar hat sich das Thema IIoT inhaltlich weiterentwickelt und Industrieunternehmen mit ihrem wachsendem Wissen über IIoT werden selbstkritischer bei der Beurteilung ihrer eigenen Fortschritte. Nach wie vor stehen aber viele Unternehmen an der Seitenlinie, sie recherchieren (20 Prozent), evaluieren (30 Prozent) und planen (20 Prozent) zwar, würden aber laut Studie nicht ins Handeln kommen. Dass sich die IIoT-Adaption in den letzten zwei Jahren verlangsamt hat, liege auch an der wirtschaftliche Gesamtsituation, so die Studienautoren. Gestörte Lieferketten, hohe Frachtkosten, steigende Energiekosten und aktuell der Ukrainekrieg hätten die deutsche Industrie in Alarmbereitschaft versetzt und Budgets für strategische Maßnahmen belastet. Daher sei es kein Wunder, dass betriebswirtschaftliche Kennzahlen wie Gewinn und Kosten (40 Prozent), Produktivität (38 Prozent) und Kundenbindung (29 Prozent) für die Business-Seite im Vordergrund stehen, während die operative Seite sich auf Kontinuität in der Produktion (29 Prozent), die Senkung von Energie- und Ressourcenkosten (28 Prozent) und die Verringerung von Ausschussraten konzentriert (26 Prozent).

Fehlende Kontrolle

Ein großes Problem vieler Unternehmen, das die erfolgreiche IIoT-Adaption hemmt, ist laut Studie die fehlende Kontrolle über die IIoT-Umsetzung. Von den Unternehmen, die bereits IIoT-Projekte umgesetzt haben oder IIoT-Pilotprojekte durchführen, erfasst ein Drittel regelmäßig geeignete Metriken zur Erfolgsmessung, 22 Prozent prüfen erste Metriken auf Eignung. Nur ein Bruchteil der Studienteilnehmer kann also überhaupt feststellen, ob die IIoT-Projekte auch die gewünschten Ziele erreichen. Ein ähnliches Bild zeigt sich bei der Projektsteuerung, also welche Projekte intensiviert, angepasst, optimiert oder eingestellt werden sollten. 24 Prozent der befragten Industrieunternehmen haben dafür umfassende, objektive Entscheidungsregeln eingeführt, weitere 28 Prozent zumindest erste Prozesse und Entscheidungsregeln.

Laut IDC-Studie haben 13 Prozent der befragten Industrieunternehmen eine definierte und ganzheitliche Daten- und Analytics-Strategie für das IIoT. Diese sei eine wesentliche Voraussetzung für den Erfolg von IIoT-Plänen und der übergreifenden digitalen Transformation in der Industrie, so die Studienautoren. Erst wenn Daten aus der OT und dem Business in einer holistischen Plattform aggregiert sind und je nach Anforderungen des IIoT-Anwendungsszenarios zur richtigen Zeit am richtigen Ort verarbeitet werden können, kann eine stimmige IIoT-Strategie definiert und erfolgreich umgesetzt werden. 58 Prozent haben ihre Daten- und Analyseziele auf ihre kurzfristigen Business-Ziele abgestimmt und bereiten Daten zur erneuten Verwendung auf. Das sei eine gute Basis, auf der Unternehmen für eine ganzheitliche Datenplattform aufbauen könnten, so die Autoren. Die strategischen Defizite spiegeln sich auch in den größten Herausforderungen in Bezug auf Analytics, AI und ML wie hohen Kosten und mangelnden Budgets (30 Prozent), Sicherheit und Compliance (24 Prozent) sowie fehlender Integrationsfähigkeit von Datenquellen und dem Datenwachstum (jeweils 20 Prozent) wider. Eine saubere Datenstrategie und daraus abgeleitete technologische Maßnahmen könnten jedes dieser Probleme deutlich verringern. Die Defizite sind laut Studie auch ein Grund, warum unter den 37 Prozent der befragten Unternehmen, die bereits KI/ML für ihre IIoT-Projekte nutzen, nur jedes Dritte dies auch umfangreich und im Einklang mit seinen Geschäftszielen macht. Anwendungen wie Digital Twins werden am seltensten umgesetzt. Diese virtuellen Abbilder realer Produkte und Prozesse hätten zwar Potenzial in industriellen Anwendungsszenarien, seien allerdings auch besonders abhängig von ganzheitlichen und verlässlichen Daten, so die Studienautoren.

Bild: IDC Central Europe GmbH

IT/OT-Integration schwierig

Die IT/OT-Integration gestaltet sich laut Studie weiterhin schwierig. Der Anteil der Unternehmen, die dies umsetzen, soll künftig von rund 17 auf 33 Prozent steigen. Der Anteil an Unternehmen, in denen IT und OT komplett getrennt sind, soll von 28 Prozent auf 5 Prozent sinken. Dazwischen stehen aber weiterhin viele Unternehmen mit nur informellen Austausch oder in denen die IT viel der Verantwortung übernehmen muss. In 52 Prozent der befragten Unternehmen trägt beispielsweise momentan noch die IT die Verantwortung für die Absicherung von IIoT- und OT-Umgebungen. Im Zuge dessen werden auch oftmals klassische IT-Security-Ansätze und -Lösungen wie VPNs und Firewalls für die IIoT-Absicherung genutzt – also IT-Lösungen, die nicht für OT oder IIoT optimiert sind. Die häufigste Sorge beim Thema Cybersecurity für 28 Prozent der Befragten ist zudem die mangelnde Kommunikation zwischen IT und OT über gemeinsame Gefahren. In 42 Prozent der befragten Unternehmen laufen aktuell Initiativen für die IT/OT-Integration, in weiteren 20 Prozent sind sie geplant. Dabei scheitern die Initiativen mindestens genauso oft (16 Prozent) wie sie erfolgreich verlaufen (10 Prozent). Herausforderungen und Hindernisse bei der Integration sind für 29 Prozent mangelndes Fachwissen und Ressourcen für die Durchführung der Initiativen, für jeweils 28 Prozent technologische Probleme und Sicherheitsbedenken und für 27 Prozent die organisatorische Komplexität.

Positive Grundsimmung bezüglich Ökosystemen

Erfreulich sei die positive Grundstimmung der Befragten bezüglich industriellen Ökosystemen, so die Studienautoren. Demnach geben drei Viertel der Befragten an, bereits Teil solcher Unternehmens-Zusammenschlüsse zu sein. Die Ziele dahinter sind für 31 Prozent schnellere Innovationen, für 29 Prozent neue Umsatzpotenziale zu erschließen und für 26 Prozent die Sicherheit und Qualität der eigenen Produkte zu fördern. Seitens IDC geht man davon aus, dass bereits 2026 fast ein Drittel aller Umsätze der größten Unternehmen weltweit (G2000) aus gemeinsam genutzten Daten, Anwendungen und operativen Initiativen innerhalb solcher Ökosysteme stammen könnten. Der Umfang der Zusammenarbeit in den befragten Industrieunternehmen sei laut IDC allerdings noch verbesserungswürdig. In etwa einem Viertel der Fälle ist dieser umfassend und zielt auf neue Business-Chancen ab. Für erfolgreiche datenbasierte Zusammenarbeit in Industry Ecosystems sind ein einwandfreies Datenmanagement, der Schutz von geistigem Eigentum und damit die Kontrolle über Daten und Datenzugriffe notwendig. Und hier schließt sich der Kreis, denn genau das kann die häufig fehlende ganzheitliche Datenplattform auf Basis der Daten- und Analytics-Strategie leisten und auch dabei unterstützen, neue Geschäftsmodell und eine faire Monetarisierung zu ermöglichen, die für jedes vierte befragte Unternehmen eine Herausforderung für die Teilnahme an Industry Ecosystems ist.

Bild: IDC Central Europe GmbH

Licht- und Schattenseiten

Insgesamt zeigt die Studie, dass die Adaption des industriellen Internets der Dinge Licht- und Schattenseiten aufweist. Das Feld spaltet sich auf in einige wenige starke Vorreiter mit fortschrittlicher und strategischer Adaption, Organisation und Integration und viele Nachzügler auf der anderen Seite, die weiterhin sehr isolierte Initiativen durchführen oder nur beobachten und evaluieren, ohne das Thema richtig anzugehen. Die fehlende Aufbruchstimmung zeige sich auch in den genutzten IIoT-Anwendungsszenarien, die stärker auf die Optimierung des Status quo fokussiert seien als auf die Transformation und notwendigenfalls auch Disruption von traditionellen Prozessen und Geschäftsmodellen, so die Studienautoren. Der globale Wettbewerb schlafe aber nicht und deutschen Industrieunternehmen drohten, nicht nur bei der Massenfertigung ausgestochen zu werden, sondern auch bei Produkten und Dienstleistungen, die sich durch Innovationskraft und Ingenieurskunst auszeichnen. Die IIoT-Adaption sei wichtig. um in der Industrie nachhaltig relevant zu bleiben, datenbasierte Geschäftsmodelle zu verfolgen und in Zukunft agile und resiliente Wertschöpfung in Industry Ecosystems zu betreiben, schreiben die Autoren weiter. Eine grundsätzliche Basis für eine erfolgreiche Umsetzung sei in der deutschen Industrie durchaus zu erkennen, diese müsse jetzt aber dringend ausgebaut, professionalisiert und mit ganzheitlicher Digitalisierung und Datenstrategien begleitet werden.

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