Durch Retrofit zur datengetriebenen Produktion

Grafik Fraunhofer FA
Der Ansatz Edge Cloud Continuum for Production (ECC4P) des Fraunhofer CCIT ermöglicht die Basis für datengetriebene Fertigung. – Bild: Fraunhofer Cluster of Excellence Cognitive Internet Technologies

Traditionell umfasst Retrofit vor allem mechanische Anpassungen, den Austausch einzelner Komponenten oder die Modernisierung von Steuerungstechnik. Mit der fortschreitenden Digitalisierung erweitert sich dieser Ansatz deutlich. Durch nachrüstbare Sensorik lassen sich heute auch an bestehenden Maschinen detaillierte Informationen direkt am Werkzeug oder Werkstück erfassen – etwa zu Temperatur, Vibration, Kräften oder Prozesszuständen. Diese Daten schaffen Transparenz über Abläufe, die zuvor nur eingeschränkt beobachtbar waren.

Allein die Erfassung von Daten genügt jedoch nicht, um nachhaltige Effizienzgewinne zu erzielen. Der eigentliche Mehrwert entsteht erst dann, wenn Daten intelligent verarbeitet, ausgewertet und in konkrete Handlungsoptionen übersetzt werden. Gerade in komplexen Produktionsumgebungen mit heterogenen Maschinenparks stellt dies eine erhebliche Herausforderung dar.

Warum Retrofit heute mehr leisten muss

Viele Anlagenbetreiber fokussieren sich beim Retrofit zunächst auf lokale Optimierungen einzelner Maschinen oder Linien. Ziel ist es, Stillstände zu reduzieren, Ausschuss zu vermeiden oder Prozesse stabiler zu fahren. Diese Effekte sind wichtig, schöpfen das Potenzial digitaler Nachrüstung jedoch nicht vollständig aus. Moderne Produktionssysteme stehen zunehmend in übergreifenden Zusammenhängen: Prozesse werden vergleichbar, Standorte vernetzt, Lieferketten enger verzahnt.

Um Bestandsanlagen langfristig anschlussfähig zu halten, sollten Retrofit-Konzepte über die reine Effizienzsteigerung hinausgehen. Produktionsdaten müssen nicht nur verfügbar sein, sondern sicher verarbeitet, kontextualisiert und – wo sinnvoll – kontrolliert geteilt werden können. Erst so entsteht die Grundlage für neue Anwendungen, datenbasierte Services und die Teilnahme an digitalen Datenökosystemen.

Retrofit als Integrationsaufgabe

In der Praxis zeigt sich, dass datengetriebenes Retrofit für viele Produktionsunternehmen eine komplexe Integrationsaufgabe ist. Neben fundiertem Anlagen- und Prozesswissen sind Kompetenzen in der industriellen Sensorik, der Echtzeitverarbeitung an der Edge, der skalierbaren Cloud-Analyse, der Entwicklung und dem Betrieb von KI-Modellen sowie der IT- und Datensicherheit erforderlich. Diese Disziplinen werden häufig getrennt betrachtet und von unterschiedlichen Anbietern adressiert. Für Anlagenbetreiber bedeutet das einen hohen Koordinationsaufwand und zusätzliche Schnittstellenrisiken.

Für ein wirtschaftlich tragfähiges Retrofit ist daher entscheidend, dass diese technologischen Bausteine nicht isoliert, sondern als abgestimmtes Gesamtsystem umgesetzt werden. Nur so lassen sich bestehende Produktionsanlagen schrittweise modernisieren, ohne den laufenden Betrieb zu gefährden oder neue Abhängigkeiten zu schaffen.

Retrofit im Edge-Cloud-Continuum

Genau hier setzt das vom Fraunhofer Cluster of Excellence Cognitive Internet Technologies (CCIT) entwickelte Edge Cloud Continuum for Production (ECC4P) an. Es überträgt das Zusammenspiel von lokaler und zentraler Datenverarbeitung gezielt auf die industrielle Fertigung und beschreibt eine durchgängige Architektur für datengetriebenes Retrofit.

ECC4P ermöglicht es, bestehende Maschinen mit zusätzlicher Sensorik nachzurüsten und die entstehenden Daten direkt an der Anlage zu verarbeiten. Ein Edge Industrial PC synchronisiert Sensor- und Maschinendaten präzise und wertet sie lokal aus. Zeitkritische Anwendungen wie Werkzeugüberwachung oder Qualitätskontrolle können so ohne Latenz direkt an der Maschine unterstützt werden.

Für rechenintensive Analysen und das Training von KI-Modellen werden Daten bedarfsgerecht in die Cloud verlagert. Dort lernen die Modelle aus unterschiedlichen Prozessvarianten, erkennen Muster und prognostizieren beispielsweise Verschleiß. Anschließend werden die trainierten Modelle automatisiert zurück auf die Edge gespielt, wo sie den laufenden Produktionsprozess unterstützen. So entsteht ein kontinuierlicher Lernkreislauf zwischen Maschine, Edge und Cloud – auch bei Bestandsanlagen.

Digitale Teilhabe setzt Datensouveränität voraus

Produktionsdaten sind geschäftskritisch. Entsprechend groß ist bei vielen Anlagenbetreibern die Zurückhaltung gegenüber cloudbasierten oder plattformzentrierten Lösungen. Voraussetzung für Akzeptanz ist daher Datensouveränität: Unternehmen müssen festlegen können, welche Daten geteilt werden, wer darauf zugreifen darf und zu welchem Zweck sie genutzt werden. Entscheidend ist, dass diese Regeln nicht nur organisatorisch definiert, sondern technisch durchsetzbar sind. ECC4P setzt hierfür auf Datenraumtechnologien, mit denen sich Datennutzung kontrolliert, nachvollziehbar und regelbasiert umsetzen lässt – auch über Unternehmensgrenzen hinweg. So lassen sich Bestandsanlagen schrittweise an digitale Wertschöpfungsnetze und industrielle Datenökosysteme anbinden, ohne die Kontrolle über sensible Produktionsdaten aufzugeben.

Einstieg in datenbasierte Wertschöpfung

Der unmittelbare Nutzen eines datengetriebenen Retrofits liegt in der Stabilisierung und Optimierung des laufenden Betriebs – etwa durch frühzeitige Verschleißerkennung, planbare Wartung und geringere Ausschussraten. Darüber hinaus schaffen die gewonnenen Produktionsdaten die Voraussetzung, Prozesse systematisch zu vergleichen, weiterzuentwickeln und neue datenbasierte Anwendungen schrittweise zu erschließen. Retrofit wird damit zum Einstiegspunkt in eine weitergehende digitale Wertschöpfung, ohne bestehende Produktionsstrukturen grundlegend zu verändern.

Fazit

Aufgrund von Kostendruck und geringen Margen werden bewährte Bestandsanlagen auch künftig den Großteil der industriellen Produktion tragen. Retrofit entwickelt sich damit nicht nur zu einer reinen Modernisierungsmaßnahme, sondern zu einem strategischen Instrument. Datensouveränität wird zur zentralen Voraussetzung, um Bestandsanlagen schrittweise an datenbasierte Anwendungen, neue Services und industrielle Datenökosysteme anzubinden. Gleichzeitig gewinnen regulatorische und branchenspezifische Vorgaben an Bedeutung. Datenbasierte Retrofit-Ansätze unterstützen Unternehmen dabei, Prozesse nachvollziehbar zu dokumentieren und Anforderungen an Transparenz, Nachweisfähigkeit und Compliance im laufenden Betrieb umzusetzen. So entsteht digitale Teilhabe ohne Kontrollverlust – und eine realistische Perspektive für die Weiterentwicklung bestehender Produktionsanlagen.